Familienfreundliche Kommune
Zu Beginn des Entwicklungsprozesses zur »Familienfreundlichen Kommune« empfiehlt sich eine Bestandsaufnahme der familienfreundlichen Leistungen und Angebote: Was bieten die Kommune, Unternehmen, Kirchen, freie Träger und Vereine für Familien, Jung und Alt? Werden die Zielgruppen tatsächlich erreicht und was fehlt noch? Welche guten Praxisbeispiele und Lösungen gibt es in anderen Kommunen gleicher Größenordnung?
Zur ersten Bestandsaufnahme eignet sich die Handreichung Familienfreundliche Kommune, eine Checkliste, die von baden-württembergischen Bündnissen für Familie, dem Netzwerk Familie Baden-Württemberg, dem Kommunalverband für Jugend und Soziales und der FamilienForschung Baden-Württemberg erarbeitet worden ist. Die Handreichung enthält 56 Fragen zu sieben Handlungsfeldern kommunaler Familienpolitik. Sie liefert ein Bild von der Ausgangssituation zur Familienfreundlichkeit in der Kommune und bietet Anregungen zur Formulierung von künftigen Entwicklungszielen. Zusammen mit der Arbeitshilfe 100 Praxisbeispiele aus den Kommunen Baden-Württembergs dient die Handreichung vielen Gemeinden und Städten als Einstieg in den Entwicklungsprozess zur Familienfreundlichen Kommune. In Baden-Württemberg arbeiten derzeit rund 150 Kommunen mit der Handreichung. Der Gemeindetag, der Städtetag und der Landkreiskreis Baden-Württemberg empfehlen die Handreichung.
Die Bestandsaufnahme aller familienbezogenen Angebote und Leistungen in der Kommune zeigt oftmals, dass viele Einrichtungen und Angebote für Familien nicht ausreichend gut bekannt sind. Oftmals gibt es noch keine Anlaufstelle oder kein Medium, das alle Informationen bündelt. Als erste Maßnahme gehen dann viele Kommunen daran, die verschiedenen Ämter, Einrichtungen und Angebote für Familien in einem zentralen Wegweiser für Familien zu bündeln, etwa in Form von Willkommensbroschüren, Begrüßungspaketen oder entsprechenden Internetangeboten, oder auch durch die Benennung eines zentralen Ansprechpartners für Familien, bei dem die gebündelten Informationen abrufbar sind.
Einen Zusatznutzen haben solche Informationsangebote, wenn sie nach Familienphasen und Lebenslagen differenziert sind und sich lebensnah an den jeweiligen Fragen der Eltern orientieren. Auf diese Weise lässt sich ein lokales Familienhandbuch entwickeln, das die Eltern über Gesundheits- und Erziehungsfragen, finanzielle Hilfen und Vergünstigungen, Kinderbetreuung, Beratungsangebote u. a. m. informiert (z.B. Familien-Wegweiser Heidenheim, Ravensburger Familienlotse, Familien-Ratgeber Pforzheim).
Will man nicht beim Erreichten stehen bleiben und die familienfreundliche Infrastruktur kontinuierlich weiter verbessern, braucht man Zielsetzungen, die an der konkreten Lebenssituation der Familien vor Ort ansetzen. Ein gute Ausgangsbasis für die Entwicklung kinder- und familienfreundlicher Leitziele kann die Erstellung eines Familienberichts sein (z.B. Familienbericht Ulm, Familienbericht Ravensburg). Der Familienbericht beschreibt die Lebenssituation der Familien vor Ort, er macht eine Bestandsaufnahme der familienbezogenen Leistungen und analysiert den weiteren Bedarf. Damit schafft der Familienbericht eine fundierte fachliche Grundlage für die Entwicklung von Leitzielen und Prioritäten für mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit.
Die regelmäßige Fortschreibung des Familienberichts ermöglicht darüber hinaus, Bedarf, Nutzen und Kosten von familienbezogenen Leistungen in der zeitlichen Entwicklung beurteilen zu können. Neue Problemlagen können frühzeitig erkannt und zuverlässig erfasst werden. Maßnahmen zur Familienfreundlichkeit können auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden.
Um Familienfreundlichkeit als Querschnittsthema angehen zu können und auf allen Handlungsfeldern wirksame Maßnahmen ergreifen zu können, brauchen die Gemeinden und Städte vor Ort starke Bündnispartner. Die von der Bundesregierung initiierten Lokalen Bündnisse für Familie fördern die Zusammenarbeit von familienpolitisch Aktiven, Kommunen, Kirchen, Verbänden und Wirtschaft mit dem Ziel, die örtlichen Rahmenbedingungen für Familien zu verbessern. Die familienbezogenen Angebote und Leistungen werden stärker miteinander vernetzt. Familienbelange sollen in allen gesellschaftlichen Bereichen dauerhaft verankert werden.
Grundidee der Zusammenarbeit ist die Einsicht, dass die strukturellen Rücksichtslosigkeiten gegenüber Familien und Kindern und die Herausforderungen an das Betreuungs- und Bildungssystem ein breit angelegtes Handeln von Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichen Gruppen erforderlich machen. Eine Verbesserung der Kinderbetreuung beispielsweise reicht allein nicht aus, wenn die Arbeitswelt oder andere gesellschaftliche Bereiche auf Familien und Kinder kaum Rücksicht nehmen.
Unterstützt und gefördert werden die Lokalen Bündnisse für Familie durch das gleichnamige Servicebüro des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Neben den örtlichen Fachleuten sollten die Familien vor Ort zu Wort kommen, um sicherzugehen, dass die Ziele und Maßnahmen am konkreten Bedarf der Eltern und Kinder ansetzen. Mit einer Zukunftswerkstatt Familienfreundliche Kommune als Ausgangspunkt und Initialzündung lässt sich vor Ort mit Beteiligung der Familien und örtlichen Fachleute ein schlüssiges, praxistaugliches Handlungskonzept entwickeln, das den Bedarf vor Ort trifft und das von allen Beteiligten mit getragen und umgesetzt wird. Die Zukunftswerkstätten Familienfreundliche Kommune sind Teil der Initiative Kinderland Baden-Württemberg und werden von der FamilienForschung Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Kommunalverband für Jugend und Soziales durchgeführt.
Das Beteiligungsverfahren verläuft in drei Schritten: Zunächst liefert die sechsstündige Zukunftswerkstatt als Auftaktveranstaltung mit Beteiligung aller relevanten Kräfte vor Ort (Bürger/innen, Familien, Alt und Jung, Vertreter/innen der Kommune, der lokalen Einrichtungen, Betriebe, Kirchen, Vereine und Verbände usw.) Ideen, Ziele und konkrete Maßnahmenvorschläge. Diese werden im zweiten Schritt dokumentiert, gemeinsam beraten und im Gemeinderat präsentiert. Nach der Beschlussfassung steht als dritter Schritt die Umsetzung der Vorschläge an: Kommune, Fachvertreter und Bürgerschaft arbeiten dabei eng zusammen.
Bislang arbeiten in Baden-Württemberg rund 30 Zukunftswerkstätten mit über 2000 Beteiligten. Die Ergebnisse der Zukunftswerkstätten beziehen sich – je nach örtlichem Bedarf – auf das ganze Spektrum kommunaler Familienpolitik. Bisherige Umsetzungsfortschritte sind z.B.: die Einrichtung von Betreuungsangeboten für unter 3-Jährige; Ausweitung der Betreuungszeiten in Kindergarten und Grundschule; Ferienbetreuung für Schulkinder; pädagogische Konzepte für die Tagesbetreuung verschiedener Altersgruppen; Konzeption von »Lokalen Bildungslandschaften«; Konzeption für Familienzentrum/ Mehrgenerationenhaus, Helferbörse »Alt hilft Jung, Jung hilft Alt« mit Notfallbetreuung, Fahrdiensten, Haushaltshilfen; Förderverein für Kinder- und Jugendbildung; Überprüfung der Verkehrssicherheit, Entschärfung von Gefahrenpunkten, Verbesserung der Barrierefreiheit; Anlaufstelle und Informationsangebote für Familien; Leitbild »Familienfreundliche Gemeinde« für künftige kommunalpolitische Beschlüsse u. a. m.
Auch bei der Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen sollte die Bürgerschaft vor Ort aktiv mitwirken können. Bei Planungs- und Bauprojekten gibt es sehr vielfältige und wirkungsvolle Möglichkeiten, Familien unmittelbar zu beteiligen. Besonders eignen sich Vorhaben, die Eltern, Kinder und Jugendliche direkt betreffen, wie z.B. die Neugestaltung von Spielplätzen oder Schulhöfen, der Bau einer Skateranlage, eines Jugendtreffs oder die Aufwertung des Wohnumfeldes (z. B. Mit-Mach-Aktionen in Mötzingen). Je nach Anlass und Zielgruppe sind verschiedene Beteiligungsformen sinnvoll: z.B.
Die direkte Beteiligung von Familien, Kindern und Jugendlichen ermöglicht, dass die Bauvorhaben ihren Bedürfnissen stärker gerecht werden und mehr Akzeptanz finden. Mit dem gemeinsam Gestalteten wird tendenziell auch sorgsamer umgegangen. Erfolgreiche Beteiligungsaktionen motivieren zu weiterem bürgerschaftlichen Engagement: So gibt es Beispiele für Spielplatzplanungen, aus denen sich Patenschaften für den Spielplatz ergeben haben, oder Elterngruppen, die nun gegenseitig ihre Kinder auf dem Spielplatz zu betreuen.
Bestandsaufnahme – Öffentlichkeit mobilisieren und Partner gewinnen – gemeinsame Ziele und Maßnahmen entwickeln – Umsetzung mit vereinten Kräften – so lässt sich der Weg zur Familienfreundlichen Kommune skizzieren. Um die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit des Entwicklungsprozesses sicherzustellen, sind Erfolgskontrollen und Selbstevaluation unerlässlich. Sind die Ziele, die sich die Kommune oder die Zukunftswerkstatt gesteckt hat, auch tatsächlich erreicht worden? Haben die Maßnahmen die Lebenssituation von Familien in der gewünschter Weise verbessert? Wo ist es noch nicht vorangegangen, wo gibt es neuen Handlungsbedarf?
Wichtig für eine wirksame Erfolgskontrolle ist die Rückkoppelung mit den Familien und anderen Beteiligten. Dies kann in Form von gemeinsamen Bilanz-Workshops geschehen, wie sie Kommunen im Rahmen der Zukunftswerkstätten Familienfreundliche Kommune durchführen können. Um ein bis zwei Jahre nach der Auftaktveranstaltung die erzielten Umsetzungsfortschritte festzustellen und die Kinder- und Familienfreundlichkeit weiter voranzubringen, werden die beteiligten Bürger/innen und Bündnispartner zu einem halbtägigen Bilanz-Workshop eingeladen. Zur Sicherung der Nachhaltigkeit werden gemeinsam weiterführende Ziele und Maßnahmen erarbeitet im Sinne eines kontinuierlichen familienfreundlichen Verbesserungsprozesses. Mit den Bilanz-Workshops werden nicht zuletzt auch die besonderen Leistungen aller beteiligten Bürger/innen und Bündnispartner in angemessener Weise gewürdigt.
Der Weg zur Familienfreundlichen Kommune kann demnach auch als kontinuierliches Verbesserungssystem verstanden werden, ein Regelkreis mit den Steuerungsphasen: Bestandsaufnahme z.B. mittels Handreichung – Öffentlichkeit mobilisieren und Partner gewinnen – Ziele und Maßnahmen entwickeln z.B. mittels Zukunftswerkstatt – Umsetzung mit Bürgerschaft und Bündnispartnern – Bilanz ziehen und neue Ziele setzen usw.
