Orte und Netzwerke für Alt und Jung

Fakten und Argumente

Wandel des Familienlebens bringt hohe Anforderungen mit sich

Die Leistungsfähigkeit von Familien ist stark gefordert: Der wachsende Anteil von Älteren und Hochbetagten geht mit einer deutlich steigenden Zahl hilfe- und pflegebedürftiger Menschen einher (vgl. Demografischer Wandel 2008, S. 18 ff.; PDF). Gleichzeitig sind die Familienstrukturen einem grundlegenden Wandel unterworfen: Lebensgemeinschaften sind wählbarer und brüchiger geworden, es werden weniger Kinder geboren (vgl. FamilienForschung Baden-Württemberg: Familie in Zahlen). Das »Netzwerk Familie« aus Eltern, Kindern, Großeltern und weiteren Verwandten, aus ehemaligen und neuen Lebenspartnern und deren Kindern und Verwandten erstreckt sich heute oft über zahlreiche Haushalte und große Distanzen. Die nachwachsenden Generationen sind im Erwerbsleben bei wachsender Unsicherheit der Beschäftigungsverhältnisse mit hohen Anforderungen an Arbeitseinsatz, persönliche Flexibilität und Mobilität konfrontiert (vgl. Statistisches Monatsheft 11/2007, »Familien und atypische Beschäftigungsverhältnisse in Baden-Württemberg«.). Mit jedem Ortswechsel der Familie muss auch das »Familiennetzwerk vor Ort« neu aufgebaut werden. Zusätzlich unter Druck gerät das Solidarsystem Familie bei sich verändernden Geschlechterrollen und zunehmender Frauen- und Müttererwerbstätigkeit (vgl. Statistisches Monatsheft 10/2006, » Vor der Ehe kriegst Du Rosen – in der Ehe flickst Du Hosen?«). Denn: Die Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen wurden vielerorts bislang noch nicht in vollem Umfang an die neuen Erfordernisse angepasst (vgl. Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Baden-Württemberg, Handlungsempfehlungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, 2008; PDF).

Viele Eltern fühlen sich außerdem angesichts wachsender Anforderungen an Erziehende verunsichert und überfordert (vgl. Statistisches Monatsheft 6/2007, »Mutter werden ist nicht schwer … Mutter sein dagegen sehr?«) und suchen Unterstützung und den Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern. Ein hoher Anteil von Familien mit Migrationshintergrund schließlich steht vor der Herausforderung, Bildungsintegration und damit verbesserte Zukunftschancen für die eigenen Kinder zu erreichen (vgl. Integrationsreport des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Teil 1: Schulische Bildung von Migranten in Deutschland, 2008

Familiennetze stärken, neue Gemeinschaften fördern

Deshalb ist es eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, Familien in ihrer Funktion als Kontakt- und Hilfenetze in ihrer Leistungsfähigkeit zu stärken. Familienfreundliche Politik in den Kommunen sollte in allen Bereichen darauf angelegt sein, niedrigschwellig die Begegnung und den Austausch der Generationen zu fördern, verstärkt zu gegenseitiger Hilfe und Unterstützung anzuregen und Kindern und Eltern leicht zugängliche Unterstützungs- und Förderangebote zu machen. Es ist heute für Familien zunehmend wichtig dass es gelingt, auch jenseits verwandtschaftlicher Beziehungen neue verlässliche Gemeinschaften und stabile soziale Netze aufzubauen. Denn überall dort, wo familienbezogene und soziale Netze nur schwach ausgebildet sind oder ganz fehlen, ist im Bedarfsfall institutionelle Hilfe erforderlich, was nicht zuletzt auch erhöhte Kosten nach sich zieht.

Gute Ansatzpunkte zur Stärkung der Familiennetze sind

Orte für Alt und Jung: Familienzentren, Mütterzentren

Familien- und Mütterzentren sind offene Treffpunkte für Familien zum Kennenlernen und Erfahrungsaustausch, zur gegenseitigen Beratung und Unterstützung. In Gesprächskreisen, Veranstaltungen, Vortragsreihen und Kursen wird ein breites Themenspektrum aufgegriffen und Hilfe zur Selbsthilfe angeboten: Angeboten werden zum Beispiel Geburtsvorbereitungs- und Stillgruppen, Gesprächskreise zur Kindererziehung und Partnerschaft, Begleitung beim Wiedereinstieg ins Erwerbsleben, Selbsthilfegruppen zum Beispiel von Eltern behinderter Kinder und anderes mehr.

Zum Angebotsspektrum von Familien- und Mütterzentren gehört außerdem auch Kinderbetreuung in verschiedenen Varianten, um Eltern stundenweise zu entlasten. Oft werden Tagesmütter- und Babysitterdienste vermittelt, Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung für Schulkinder angeboten oder andere familienentlastende Dienstleistungen wie Bügelservice, Secondhand-Bazar oder Tauschbörsen.

Familien- und Mütterzentren arbeiten eng mit anderen kommunalen Einrichtungen und Diensten für Familien zusammen (Kindertagesstätten, Schulen, Beratungsstellen, Jugendamt u.a.). Beispielsweise bieten Jugend- und Sozialämter vor Ort Sprechstunden an. Darüber hinaus beteiligen sich Familien- und Mütterzentren auch bei Planungs- und Bauprojekten (Spielplatz, Wohnumfeld u.a.) sowie an kommunalen Arbeitskreisen und Bündnissen für Familien.

Familien- und Mütterzentren sind oft aus Mütterinitiativen heraus entstanden und funktionieren heute als selbstverwaltete Einrichtungen. Dabei wird ein großer Teil der Arbeit von den Müttern und Vätern selbst ehrenamtlich geleistet und lediglich durch Aufwandsentschädigungen honoriert. Daneben gibt es weitere Familien-, Stadtteil- oder Nachbarschaftszentren in unterschiedlicher Trägerschaft (Kirchen, Verbände, Kommunen). Für die Neugründung von Familien- und Mütterzentren bietet das Mütterforum Baden-Württemberg e.V., der Dachverband selbstverwalteter Familien- und Mütterzentren, Beratung und Unterstützung. Oft werden heute auch bereits bestehende Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren ausgebaut.

Alles unter einem Dach: Mehrgenerationenhäuser

Das Mehrgenerationenhaus vereint Kindertagesbetreuung, Familien- und Nachbarschaftstreff, Seniorenwohnen, Pflegedienst und ähnliche Dienste und Einrichtungen unter einem gemeinsamen Dach. Durch die räumliche Nähe und die Zusammenarbeit der Einrichtungen sollen Austausch und gegenseitige Hilfe von Jung und Alt gefördert werden.

Gelegenheit zu Begegnung und Austausch bieten beispielsweise der gemeinsame Mittagstisch im Café des Hauses, gemeinsame Vorlesekreise und Erzählcafés, Computer-Kurse von Jung zu Alt, Bewerbungshilfen von Alt zu Jung, Oma-Opa-Service zur Kinderbetreuung, Einkaufsdienste für Ältere, Aktiv-Börsen, Tausch-Ringe und anderes mehr.

Für die Realisierung eines Mehrgenerationenhauses müssen geeignete Räumlichkeiten geschaffen werden. Oft wird im Rahmen der Planungen zu Seniorenwohnungen oder zu einem Pflegeheim der Entschluss gefasst, unter dem gleichen Dach auch Räume für Kinderbetreuung, Familientreff, Bildungs- und Beratungsangebote zu schaffen. Auch Umnutzungen und Erweiterungen von Altgebäuden sind eine Option.

Dabei kommt es von Anfang an auf eine gute Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungsträger und der beteiligten kommunalen Ämter an. Auch die späteren Nutzerinnen und Nutzer, Kinder, Eltern, Nachbarn, Senioren usw. sollten nach Möglichkeit frühzeitig an der Planung und Gestaltung von Räumen und Außenanlagen beteiligt werden. Bereits in dieser Phase kann der Grundstein für das gelingende Miteinander der Generationen gelegt werden. Das Internetangebot zum Aktionsprogramm »Mehrgenerationenhäuser« des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bietet Informationen zum Konzept Mehrgenerationenhaus und zum Aktionsprogramm.

Alt hilft Jung, Jung hilft Alt: Tausch-Börsen und Tausch-Ringe

Tausch-Börsen und Tausch-Ringe vermitteln unbezahlte Dienstleistungen und Hilfen auf der Basis von gegenseitigem Tausch. Getauscht wird alles rund um den Haushalt: z.B. Babysitten gegen PC-Reparatur, Fahrradreparatur gegen Bügelservice, Schreibservice gegen Gartenarbeit. Solche Dienste und Hilfen auf Gegenseitigkeit sind besonders für Familienhaushalte interessant, insbesondere wenn sie mit wenig Geld auskommen müssen. Außerdem ergibt sich über die Tausch-Börsen die Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen.

Die Dienstleistungen im Rahmen der Tausch-Börsen/Tausch-Ringe werden nicht mit Geld bezahlt, sondern nach dem jeweiligen Zeitaufwand abgerechnet und in symbolischen Talern oder Talenten gutgeschrieben. In der Regel muss ein kleiner Obolus für die Verwaltung der Tausch-Börse entrichtet werden. Organisiert werden Tausch-Börsen größtenteils durch ehrenamtliche Arbeit Tausch-Börsen-Vereinen, in Familienzentren oder Agenda21-Büros. Weiterführende Informationen und Links zu örtlichen Tausch-Börsen/Tausch-Ringe bietet zum Beispiel dieses bundesweite Portal zum Thema.

Partner für Familien gewinnen: Lokale Bündnisse für Familie

Unter einem Bündnis für Familie ist eine Zusammenarbeit von Kommunen, Fachvertretern, Kirchen, Verbänden, Unternehmen, Industrie- und Handwerkskammern, Gewerkschaften und anderen familienpolitisch Aktiven zu verstehen, deren Ziel es ist, die Rahmenbedingungen für Familien, Kinder und Jugendliche vor Ort gemeinsam zu verbessern.
Grundgedanke der Zusammenarbeit ist die Einsicht, dass für eine Stärkung der Familien in ihrer Leistungsfähigkeit ein breit angelegtes konzertiertes Handeln von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Fachvertretern und gesellschaftlichen Gruppen erforderlich ist. Zum Beispiel kann eine Steigerung der Platzkapazitäten und der Betreuungsqualität im Bereich Kinderbetreuung allein die Lebenssituation von Familien nicht durchschlagend verbessern, wenn zugleich die Arbeitswelt oder andere gesellschaftliche Bereiche auf die speziellen Bedürfnisse von Familien und Kinder kaum Rücksicht nehmen.

Bündnisse für Familie sind örtlich unterschiedlich organisiert und treten unter verschiedenen Namen auf. Sie können sich in einem Stadtteil oder Wohnquartier bilden, auf Gemeindeebene, innerhalb eines Kreises oder einer Region. Je nach Mitgliederzahl des Arbeitskreises sind unterschiedliche Arbeitsstrukturen sinnvoll (gemeinsames Forum oder Aufteilung in Plenum und Unterarbeitskreise). Oft entstehen Bündnisse aus bestehenden Arbeitskontakten, z.B. im Rahmen von Jugendhilfe-Aktivitäten, Kriminalprävention, Agenda21 u. a.

Bündnisse für Familie setzen meist bestimmte Themenschwerpunkte: z.B. Weiterentwicklung der kommunalen Bildungslandschaft, Verbesserung der Kinderbetreuungsangebote in Zusammenarbeit mit den örtlichen Trägern, Fachkräften und Unternehmen, Förderung des Wiedereinstiegs in den Beruf, Verankerung von Elternarbeit und Familienbildung an Kindergärten und Schulen, Integration von Familien ausländischer Herkunft, familiengerechtes Wohnumfeld oder ähnliches.

Familienbündnisse im Rahmen des Aktionsprogramms »Lokale Bündnisse für Familie« können Unterstützungsleistungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Anspruch nehmen: Das bundesweite Servicebüro zum Aktionsprogramm ist Ansprechpartner und bietet Projektberatung an.

Jung und Alt gestalten ihre Kommune: Zukunftswerkstätten Familienfreundliche Kommune

Zukunftswerkstätten sind ein geeignetes Instrument, wenn in einer Kommune ein breit in der Bürgerschaft verankerter, strukturierter und pragmatischer Entwicklungsprozess zur Stärkung der Familiennetze und zur Weiterentwicklung der Kinder- und Familienfreundlichkeit angestoßen werden soll. Dabei kommt es darauf an, vor Ort alle Kräfte zu bündeln, bürgerschaftliches Engagement zu aktivieren und Familien, Jung und Alt ebenso wie örtliche Fachkräfte und Vertreter der wichtigsten Gruppierungen zu beteiligen. Außerdem ist es wichtig, eine pragmatische und effiziente Arbeitsweise zu wählen, die schnell sichtbare Resultate liefert und konkrete Aktionsfelder für mehr Zusammenarbeit und bürgerschaftliches Engagement eröffnet.

Mit einer »Zukunftswerkstatt Familienfreundliche Kommune« als Ausgangspunkt und Initialzündung lässt sich vor Ort unter Beteiligung der Bürgerschaft ein schlüssiges, praxistaugliches Handlungskonzept entwickeln, mit dem sich eine Stärkung der Familiennetze und eine Weiterentwicklung der Familienfreundlichkeit erfolgreich umsetzen lässt. Dazu werden drei Schritte durchlaufen: Zunächst liefert die Auftaktveranstaltung Zukunftswerkstatt unter Beteiligung aller relevanten Kräfte vor Ort Ideen und konkrete Maßnahmenvorschläge. Diese werden im zweiten Schritt dokumentiert und nach einer strategischen Vorauswahl dem Gemeinderat zur Beschlussfassung vorgelegt. Nach der Beschlussfassung steht als dritter Schritt die Umsetzung der Vorschläge mit vereinten Kräften an: Kommune, Bürgerschaft und Fachvertreter arbeiten dabei zusammen.

Ergebnis einer »Zukunftswerkstatt Familienfreundliche Kommune« kann zum Beispiel die Einrichtung eines Treffs für Alt und Jung in von der Kommune bereitgestellten Räumlichkeiten, eine verstärkte Zusammenarbeit im Rahmen eines kommunalen Arbeitskreises/Bündnisses mit Themenschwerpunkt »Weiterentwicklung der Kommunale Bildungslandschaft«, die Konzepterstellung für ein Familienzentrum/ Mehrgenerationenhaus, eine Weiterentwicklung der örtlichen Angebote zur Kinderbetreuung, eine verbesserte Ferienbetreuung für Schulkinder, die Einrichtung einer Anlaufstelle für Familien mit Informationsangebot, ein Leitbild »Familienfreundliche Gemeinde« für künftige kommunalpolitische Beschlüsse oder die Gründung einer Tausch-Börse sein.