Kinderbetreuung und Bildung

Fakten und Argumente

Wachsender Bedarf an Betreuungsangeboten zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Vereinbarkeit von Familienleben und Erwerbsarbeit ist ein zentrales Zukunftsthema für alle modernen Gesellschaften. Durch die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen und durch veränderte Familienstrukturen nimmt der Bedarf an qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung kontinuierlich zu. Die überwiegende Mehrheit der Familien wünscht heute, dass beide Partner erwerbstätig sein können (vgl. IAB-Werkstattbericht 12/2002, S. 5; PDF).

Der Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf nach der Geburt von Kindern erfolgt immer früher. Der technologische Fortschritt macht lange Unterbrechungen in der Erwerbstätigkeit zunehmend schwierig. Vor allem hoch qualifizierte Frauen wünschen eine baldige Rückkehr in den Beruf. Daraus ergibt sich ein akuter Betreuungsbedarf für Kinder unter drei Jahren.

Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz wird auf Kinder unter drei Jahren ausgedehnt

Die Bundesregierung hat zum Kindergartenjahr 2013/14 einen objektiven Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren beschlossen. Als Zielmarke soll bis 2013 für 35% der Kinder zwischen ein und unter drei Jahren ein Betreuungsplatz zur Verfügung stehen. Dieser Beschluss der Bundesregierung unterstützt die Anstrengungen der Kommunen in Baden-Württemberg beim kontinuierlichen Ausbau der Kleinkindbetreuung, denn ohne einen Ausbau der Betreuungskapazitäten lässt sich der Rechtsanspruch nicht gewährleisten. Neben den Einrichtungen gewinnt im Kleinkindbereich die Tagespflege an Bedeutung, da einige Eltern diese familienähnliche Betreuungsform für Kleinkinder bevorzugen.

Vom Bund und Land wird der Ausbau der Kleinkindbetreuung finanziell gefördert. Vom Bund werden Zuschüsse für Bau- und Betriebskosten gewährt. Auch das Land unterstützt den Ausbau der Kleinkindbetreuung, indem es die den Kommunen entstehenden Kosten zu einem Drittel übernimmt (vgl. PM Einigung mit Kommunalen Landesverbänden im Bereich Bildung, Betreuung und Erziehung, 21.12.2007).

Freie Kapazitäten nutzen – Betreuung bedarfsgerecht umbauen

Durch rückläufige Geburtenzahlen wird die Zahl der Kinder in den nächsten Jahren insgesamt deutlich abnehmen. Vorausberechnungen der Kinderzahlen gehen von einem Rückgang der Kinder unter drei Jahre von 285.000 im Jahr 2005 auf 270.000 im Jahr 2015 aus. Die Zahl der 3- bis-6-Jährigen wird voraussichtlich von 303.000 auf 271.000 zurückgehen (vgl. Statistisches Landesamt 2007: Der demografische Wandel in Baden-Württemberg). Die Entwicklung wird regional unterschiedlich verlaufen und neben den Geburtenrückgängen insbesondere auch von den Zu- und Fortzügen junger Familien abhängen (vgl. Statistisches Monatsheft 02/2008, »Das regionale Wanderungsgeschehen in Baden-Württemberg«). Aktuelle Prognosen der Bevölkerungsentwicklung in Ihrer Gemeinde bietet die Strukur- und Regionaldatenbank des Statistischen Landesamtes. Eine Bedarfsprognose für die Betreuung unter 3-Jähriger in Baden-Württemberg bietet die FamilienForschung Baden-Württemberg (vgl. Statistisches Monatheft 08/2006, »Kindertagesbetreuung für unter 3-Jährige eine Bedarfsanalyse für Baden-Württemberg«).

Wo die Zahl der Kindergartenkinder abnimmt, wird potentiell Platz frei für Klein- und Hortkinder. Vielerorts ist der Umbau der Betreuungsformen daher kostenneutral möglich (vgl. Statistisches Monatheft 08/2006, » Voraussichtliche Entwicklung der Erwerbspersonenzahl bis 2025«). Mit altersgemischten und zeitlich variablen Betreuungsangeboten kann flexibel auf die veränderte Bedarfslage reagiert werden. Nach Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung wünschen erwerbstätige Frauen vordringlich verlängerte flexible Betreuungsangebote über den Mittag hinaus mit Mittagessen sowie zusätzliche Betreuungsangebote in den Ferienzeiten.

Auch im Schulkindbereich ist ein Ausbau der Betreuungskapazitäten notwendig

Mittlerweile sind über 70% der Mütter von Kindern im schulpflichtigen Alter berufstätig (vgl. Familie in Zahlen: Erwerbstätigenquote von Müttern). Sie haben einen Bedarf an verlässlichen Betreuungszeiten für ihre Kinder. Mit der Einführung der verlässlichen Grundschule wurde in Baden-Württemberg auf diesen Bedarf reagiert. Für viele Familien ist jedoch die Halbtagsbetreuung nicht ausreichend. Darum wurden auch schulergänzende Betreuungsangebote ausgebaut. In Kindertageseinrichtungen wurden 2007 knapp 69.000 Kinder zwischen 6 und 11 Jahren betreut, dies sind ca. 12% der Kinder dieser Altersgruppe. Auch im Bereich der schulischen Nachmittagsbetreuung wurde das Angebot in den letzten Jahren ausgeweitet. Der Bedarf wird derzeit jedoch noch nicht flächendeckend befriedigt. Nach dem Willen der Landesregierung soll der Anteil der allgemeinbildenden öffentlichen Schulen mit Ganztagsbetreuungsangeboten bis zum Jahr 2015 auf 40% ansteigen (vgl. Übersicht über das Ganztagsschulprogramm des Landes, PDF). Die Kommunen als Schulträger stehen hier mit in der Verantwortung.

Investitionen in die Kinderbetreuung rechnen sich

Der bedarfsgerechte Ausbau der Kinderbetreuung ist eine lohnende Investition, die sich auch für die öffentlichen Haushalte rechnet. Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet mögliche Mehreinnahmen von mehreren Milliarden Euro für die Einkommensteuer und Sozialversicherungen, wenn die heute erwerbswilligen Mütter durch den Ausbau der Kindertagesbetreuung ihre Erwerbswünsche umsetzen können. Bei der Sozialhilfe wären Einsparungen in ähnlicher Größenordnung möglich, wenn allein erziehenden Müttern durch geeignete Betreuungsmöglichkeiten die Aufnahme einer Berufstätigkeit erleichtert würde (vgl. Monitor Familienforschung Nr. 8/2006, S.8f; PDF)

Die ökonomische Relevanz eines bedarfsgerechten Betreuungsangebots wird auch in Anbetracht des demografischen Wandels deutlich. Die demografische Entwicklung mit sinkenden Kinderzahlen und stark zunehmendem Anteil älterer und hochbetagter Menschen wird sich auch auf das Potential der Erwerbstätigen auswirken (vgl. Statistisches Monatsheft 11/2007: »Voraussichtliche Entwicklung der Erwerbspersonenzahl bis 2025«). Die Unternehmen werden verstärkt um qualifizierte Arbeitskräfte konkurrieren.

Eine familienfreundliche Infrastruktur wird für die Standortentscheidungen von jungen Familien wie auch von Unternehmen immer bedeutsamer.

Zur Unterstützung familienfreundlicher Maßnahmen von Unternehmen wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Netzwerk »Erfolgsfaktor Familie« ins Leben gerufen. Die FamilienForschung Baden-Württemberg unterstützt Unternehmen mit dem Portal »Kompetenzzentrum Beruf & Familie« und mit dem Informationszentrum »Beruf und Familie«.

Gestiegene Anforderungen an die Betreuungsqualität

Der gesellschaftliche und technologische Wandel stellt hohe Anforderungen an den Einzelnen. Vor diesem Hintergrund hat in den letzten Jahren die Frühförderung der Kinder an Bedeutung gewonnen. Viele Eltern sind heute ausdrücklich daran interessiert, dass ihre Kinder frühzeitig familienübergreifende Erfahrungen sammeln und sozial, motorisch und kognitiv gefördert werden, um ihnen möglichst gute Entwicklungsbedingungen zu geben. Gefragt sind qualitativ hochwertige Angebote, die den Bedürfnissen der Kinder nach Zuwendung, Betreuung, Förderung und Erziehung gerecht werden. Verstärkte Anstrengungen sind insbesondere gefordert bei der Frühförderung der Kinder im sprachlichen Bereich (Muttersprache, Fremdsprachen), bei der motorischen Entwicklung der Kinder sowie im Hinblick auf die Integration von Kindern zugewanderter Familien und von Kindern mit Behinderungen.

Die Landespolitik hat darauf reagiert und einen Orientierungsplan für die Kinderbetreuungseinrichtungen und weitere Maßnahmen zur Steigerung der Betreuungsqualität beschlossen (vgl. Kultusportal www.kindergarten-bw.de). Die Kommunen sind derzeit in der Umsetzung. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) bietet dazu Unterstützung an.

Kommunen haben vielfältige Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des Kinderbetreuungsangebots

Sollen die Kinderbetreuungsangebote weiterentwickelt werden, können zu Beginn folgende Fragen hilfreich sein:

Dies sind nur einige Fragen, die Sie sich stellen sollten, wenn Sie sich mit dem Betreuungsangebot in Ihrer Kommune befassen. In der »Handreichung Familienfreundliche Kommune« (PDF) finden Sie weitere Fragen, die sie bei der systematischen Beurteilung der Betreuungssituation vor Ort unterstützen. Die Handreichung wurde als konkrete Arbeitshilfe gemeinsam von der FamilienForschung Baden-Württemberg, dem Kommunalverband für Jugend und Soziales und dem Netzwerkknoten Baden-Württemberg der Lokalen Bündnisse für Familie erarbeitet.